RFG

Rheinfischereigenossenschaft
in Nordrhein-Westfalen

Karte NRW

Grundel-Problematik

Als im Jahre 2006 erstmalig eine Kesslergrundel und im Jahre 2008 erstmalig eine Schwarzmaulgrundel im (Nieder-) Rhein durch die Rheinfischereigenossenschaft nachgewiesen wurde, waren dies zunächst nur interessante faunistische Meldungen über das Vorkommen neuer Fischarten im Rhein. Aufgrund der Erfahrungen aus der österreichischen Donau, in die mehrere Grundel-Arten aus der Schwarzmeer-Region bereits früher vorgedrungen waren, war jedoch zu befürchten, dass sich diese Neueinwanderer zum Problem entwickeln könnten. Tatsächlich haben sich die Grundeln innerhalb kürzester Zeit im Niederrhein rasant ausgebreitet und explosionsartig Massenvorkommen aufgebaut. Nach einer Phase zunehmender Fangmeldungen durch Angler (mit vielen Irritationen über die unbekannten Fischarten oder „das plötzliche, gehäufte Vorkommen von Koppen im Rhein“ [die Kesslergrundeln wurden auch von erfahrenen Anglern oft für Koppen gehalten] wurde sehr schnell klar, dass sich diese Arten im Rhein tatsächlich zu einem großen Problem entwickelten. Seit ca. 2010, also nur 2 – 4 Jahre nach den Erstnachweisen ist in vielen Bereichen des Niederrheins eine sinnvolle Ausübung der Angelfischerei kaum mehr möglich, da unabhängig von der eingesetzten Angeltechnik und den befischten Strombereichen kaum mehr andere Fischarten gefangen werden können. Die invasiven Schwarzmeer-Grundeln stellen heute eine erhebliche Beeinträchtigung der Fischerei dar.

Die Grundeln (Familie: Gobiidae)

Bei den Grundeln handelt es sich um bodenlebende Kleinfischarten, die natürlicherweise nicht im Rheinsystem vorkommen. Die Arten stammen aus den Flussmündungsgebieten und Küstenregionen des Schwarzen und Kaspischen Meeres. Von dort haben einige Arten die österreichische Donau besiedelt und sich über den Rhein-Main-Donau-Kanal und das Wasserstraßennetz auch ins Rheinsystem ausgebreitet. Alle Grundel-Arten besitzen ein eindeutiges Erkennungsmerkmal: die Bauchflossen sind zu einer rundlichen Saugscheibe verwachsen, was sie eindeutig von anderen Fischen, wie z.B. der ähnlichen Koppe, unterscheidet. Bei der Bestimmung von geangelten Fischen sollten diese immer auf den Rücken gedreht und auf das Vorhandensein der Saugscheibe überprüft werden.

Bauchansicht einer adulten Kesslergrundel mit der typischen, zu einer Saugscheibe verwachsenen Bauchflossen

Grundel

Charakteristisch für die Schwarzmaulgrundel: eine weißliche Saugscheibe

Grundel

Charakteristisch für die Kesslergrundel: eine gelbliche Saugscheibe

Die Arten

Kesslergrundel

(Ponticola kessleri)

 Schwarzmaulgrundel

(Neogobius melanostomus)

Flussgrundel

(Neogobius fluviatilis)

Die Kesslergrundel wurde erstmalig Ende 2006 im oberen Niederrhein bei Königs-winter nachgewiesen. Die Ausbreitung von der österreichischen Donau aus über den Rhein-Main-Donau-Kanal und Main war durch Funde dokumentiert. Im Rhein angekommen hat die Art innerhalb kürzester Zeit Massenvorkommen aufgebaut, die sofort angelfischereilich in Erscheinung traten. Die Art ähnelt sehr stark der Koppe, besitzt einen breiten Schädel mit sehr großer Maulspalte. Die knapp 18 cm groß werdende Art scheint vorwiegend räuberisch von kleinen Fischen zu leben und beißt sehr schnell auf jeden grund-nah angebotenen tierischen Köder, auch auf Köderfische und Spinnköder, vor allem im Bereich von Steinschüttungen.
Nach dem zufälligen Erstnachweis von Schwarzmaulgrundeln im August 2008 bei Dormagen ergaben weitere Nachsuchen, dass die Art bereits flächendeckend im Niederrhein vorhanden war. Der Ausbreitungsweg ist daher ungeklärt, die Art könnte ebenfalls über den Rhein-Main-Donau-Kanal vorgedrungen sein (wurde hier aber nicht beobachtet), könnte aber auch aus dem Rheindelta rheinaufwärts vorgedrungen sein, da zuvor eine Ausbreit-ung über das östliche Wasserstraßennetz in die Ostsee und von dort ins Rheindelta dokumentiert war. Die Art hat wie die Kesslergrundel in kürzester Zeit flächen-deckende Massenvorkommen aufgebaut und tritt ähnlich angelfischereilich in Erscheinung. Die ebenfalls rd. 18 cm groß werdende Art beißt sehr schnell auf grundnah angebotene tierische Köder und Spinnköder.
Die Flussgrundel wurde 2009 zufällig zunächst als Einzelexemplar in einer Gruppe von Grundeln entdeckt, die bei Duisburg aus dem Rhein entnommen und in ein Aquarium überführt worden war. Auch hier ergab eine sofort anschließende Nachsuche, dass die Art bereits im gesamten Niederrhein weit verbreitet war, aber nur örtlich in Massenvorkommen auftrat. Eine Ausbreitung über den Rhein-Main-Donau-Kanal ist wahrscheinlich, aber nicht dokumentiert. Die Art tritt bisher kaum als Fischereischädling in Erscheinung, da sie andere Lebensräume als die zuvor behandelten Arten bevorzugt. Sie kommt nur lokal in vornehmlich strömungs-beruhigten und feinsedimentreichen Bereichen vor, wo üblicherweise weniger geangelt wird.
 

 Marmorgrundel

(Proterorhinus semilunaris)

 
     
 
Die Marmorgrundel drang nach der Eröffnung des Rhein-Main-Donau-Kanals als erste Art in den Rhein vor, der Erstnachweis erfolgte 1999 und in der Folge wurde der gesamte Niederrhein sehr schnell besiedelt. Entgegen der ursprünglichen Befürchtungen, das Auftreten dieser Art könnte sich im Ökosystem Rhein sehr nachteilig auswirken, blieb sie bis heute jedoch unauffällig und ohne erkennbare ökologische Auswirkungen. Die Art bleibt meist deutlich kleiner als 10 cm und wird praktisch nie mit der Angel gefangen, sie tritt allenfalls bei elektrofischereilichen Bestandserhebungen in Erscheinung. Im Vergleich zu den später zugewanderten Arten ist die Marmorgrundel mehr eine Art der ruhigeren Stromrandbereiche und der Auengewässer.
 

 

Aktuelle Problemlage – Grundeln als Fischereischädlinge

Aktuell treten die Arten Kessler- und Schwarzmaulgrundel massiv als Fischereischädlinge in Erscheinung. Sie haben innerhalb kürzester Zeit im Niederrhein ein fast flächendeckendes Massenvorkommen aufgebaut. Insbesondere im Bereich von Blocksteinschüttungen führt das neugierige und aggressive Beißverhalten dieser Fische dazu, dass sie Anglern so schnell und zahlreich an den Haken gehen, dass eine sinnvolle Angelfischerei auf andere Fischarten vielerorts kaum mehr möglich ist. Betroffen hiervon sind in erster Linie Stippangler, die mit Made oder Wurm und kleinen Haken im Uferbereich von Blocksteinschüttungen angeln, aber auch Grundangler, die mit entsprechenden Ködern in Bereichen stärkerer Strömung angeln. Auch das Raubfischangeln mit Köderfischen und das Spinnfischen mit größeren Kunstködern wird mancherorts durch das aggressive Beißverhalten der Grundeln beeinträchtigt. Die Massenvorkommen der Grundeln sind jedoch wahrscheinlich auch eine ernsthafte Gefährdung für die einheimische Fischfauna. Wegen der stark räuberischen Lebensweise dürften die Grundeln einen enormen Frassdruck auf die Jungfischbestände der einheimischen Fischarten im Uferbereich ausüben. Die ökologischen Auswirkungen auf die Wirbellosenfauna und das gesamte Ökosystem sind derzeit noch nicht absehbar.

Status in der Landesfischereiverordnung

Alle im Rhein vorkommenden Grundel-Arten besitzen keine Schonzeit und kein Mindestmaß und dürfen deshalb ganzjährig entnommen werden. Auch wenn die nicht-heimischen Grundeln Fischereischädlinge darstellen, sind sie wie andere Fischarten entsprechend den Vorgaben des Tierschutzgesetztes zu behandeln, d.h. wenn Grundeln entnommen werden, sind sie waidgerecht zu töten und einer sinnvollen Verwertung zuzuführen.

Verwertungsmöglichkeiten für Grundeln

Grundsätzlich sind Grundeln, wenigstens die größeren Exemplare, auch für den Verzehr geeignet, in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet werden sie durchaus als Speisefische genutzt. Aufgrund der hiesigen Verzehrgewohnheiten wird wahrscheinlich jedoch kaum eine nennenswerte Verwertung dieser Kleinfische als Speisefisch erfolgen können. Raubfischangler sollten Grundeln unbedingt als Köderfische verwenden! Es hat sich gezeigt, dass Grundeln tatsächlich in zunehmendem Maße im Mageninhalt von Raubfischen aus dem Rhein vorkommen, erwartungsgemäß stellt sich die Raubfischfauna auf diese häufige und leicht verfügbare Beute ein. Erste Erfahrungen zeigen, dass Grundeln z.B. beim Zanderangeln sehr effektive Köder sein können. Im Hinblick auf eine Bestandsdezimierung sollten Grundeln entnommen werden, wann immer eine sinnvolle Verwertung gewährleistet werden kann, für den Verzehr, als Köderfisch oder als Futtermittel.

Empfehlungen zur Vermeidung von Grundel-Fängen

Ungewollte Grundel-Fänge werden sich leider nicht gänzlich ausschließen lassen, aber die nachfolgenden Tips können helfen, die Wahrscheinlichkeit von Grundelbissen zu verringern:

  • Grundelbisse erfolgen meist in Grundnähe, bieten Sie ihre Köder daher etwas weiter über Grund an als üblich (beim Posenangeln die Pose höher stellen, beim Grundangeln das Vorfach/die Köder mit Auftriebskörpern versehen; Spinnköder in höheren Wasserschichten führen)
  • benutzen sie pflanzliche oder nicht-lebende Köder, wie z.B. Maiskörner oder Käsewürfel und benutzen sie größere Haken als üblich
  • angeln Sie mit Feederrute und Futterkörbchen, mit Lockfutter können sie andere Fischarten trotz störender Grundeln am Angelplatz halten und fangen
  • meiden Sie die steinigen Untergründe, auf denen sich die Grundeln bevorzugt aufhalten
  • erfahrene Angler können versuchen, durch wiederholtes punktgenaues Anwerfen einer Angelstelle und Wegfang der Grundeln diese Stelle vorübergehend auszufischen und Grundel-frei zu halten

 

Bekämpfung der Grundeln und Maßnahmen der Rheinfischereigenossenschaft

Die Rheinfischereigenossenschaft nimmt die von den invasiven Grundeln verursachten Probleme sehr ernst und hat bisher folgende Maßnahmen ergriffen:

  • wissenschaftliche Einrichtungen wurden auf das Problem aufmerksam gemacht, damit Forschungen zur Ökologie der Grundeln Hinweise auf Maßnahmen zur Problembekämpfung liefern können; insbesondere die intensiven Arbeiten zur Grundel-Ökologie an der Universität zu Köln werden unterstützt und gefördert
  • in einem Kooperationsprojekt mit dem Rheinischen Fischereiverband von 1880 e.V. wurde ein aufwändiger Praxistest von Hegebefischungen mit selektivem Ausfischen der Grundeln in Teststrecken durchgeführt
  • es werden alle erdenklichen Maßnahmen ergriffen, um die Grundel-Entnahmen zu forcieren und regulierend auf den Bestand einzuwirken (Einbindung der Nebenerwerbsfischerei, der Gemeinschaftsfischen von organisierten Anglern). Die RheinFG bietet hierzu einen Service, indem gesammelte, größere Fangmengen von Grundeln abgenommen und einer sinnvollen Verwertung zugeführt werden.
  • der Besatz mit Aalen wird fortgeführt und intensiviert (nicht nur als Maßnahme für den Aalschutz), der Aal ist vermutlich der potenzielle Hauptfrassfeind für die Grundeln im Rhein und ein guter Aalbestand damit der effektivste Regulator für die Grundelpopulationen
 

Auch beim nächtlichen Zander-Angeln beißen Grundeln auf relativ große Köderfische

Grundeln sind gute Zander-Köder – hier hat ein Zander unbeabsichtigt eine Grundel als Köder genommen, die beim Grundangeln mit Wurm auf Barsch gehakt wurde

 

 

Ökologische Risiken

Bisher sind die Grundeln kaum in die Nebenflüsse des Rheins vorgedrungen. Eine Verschleppung in andere Gewässer ist unbedingt zu vermeiden. Dabei ist zu beachten, dass die Grundeln auch Stillgewässer erfolgreich besiedeln und dort zu einem massiven ökologischen Problem werden können, wie das Beispiel der großen nordamerikanischen Seen zeigt. Auf keinen Fall dürfen Grundeln aus dem Rhein lebend mitgenommen und an anderen Gewässern als Köder verwendet werden! Es ist auch verboten, im Rhein geangelte Grundeln als Köder- oder Zierfische für die Aquaristik zu verkaufen und weiterzuverbreiten, da die Gefahr groß ist, dass diese Fische irgendwann in freie Gewässer „entsorgt“ werden. Nach ersten Berichten wurden bereits tatsächlich in einigen isolierten Baggerssen in der Rheinschiene Grundeln nachgewiesen – in diese Gewässer können die Fische eigentlich nur durch eine Verschleppung oder absichtliches Aussetzen durch Rheinangler gelangt sein!

 

Ausblick

Die Ausbreitung der aus der Schwarzmeer-Region stammenden Grundeln im Rhein, ihre massenhafte Vermehrung und der Aufbau extrem hoher Bestandsdichten in kürzester Zeit stellen sicher eine der dramatischsten Veränderungen der Rhein-(Fisch-) Fauna dar, die je dokumentiert wurde. Die eingewanderten Grundeln werden sich im Rhein nicht mehr ausrotten lassen und daher ein fester Bestandteil der Rheinfischfauna werden, aber:

  • die invasiven Grundelpopulationen befinden sich in einer frühen Phase der Etablierung, die üblicherweise durch extrem hohe Besiedlungsdichten gekennzeichnet ist. Erfahrungsgemäß regulieren sich die Bestände von Neozoen nach einiger Zeit auf einem niedrigeren Niveau ein.
  • die einheimische Raubfischfauna wird sich auf die neue Nahrungsquelle einstellen und zur Regulation beitragen, möglicherweise werden die Raubfischbestände (insbesondere Zander und Barsch) erheblich davon profitieren und deutlich ansteigen.

 

  • Grundel-Fang aus einer Hegeabfischung

    Grundel-Fang aus einer Hegeabfischung